Dänemark, Ostsee 30.5.2024

Bornholm 2026: Die Sonneninsel der Ostsee

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Weit östlich des dänischen Festlands, näher an Schweden, Polen und Rügen als an Kopenhagen, liegt Bornholm wie ein vergessener Edelstein in der Ostsee. Die Dänenwenn gefragt nach Solskinsøen – der Sonneninsel – lächeln wissend: Bornholm verzeichnet statistisch mehr Sonnenstunden als jede andere Region Dänemarks. Aber noch faszinierender ist die Geologie. Während Dänemark sonst flach und von Moränen geprägt ist, besteht Bornholm aus präkambrischem Granit – Gestein, das vor über 570 Millionen Jahren entstand. Der Norden ist zerklüftet, mit Felsriffen und Klippen, die senkrecht aus der See ragen. Der Süden hingegen flacht ab zu pudrig weißen Sandbänken. Im Jahr 2026 kombiniert Bornholm erstklassige nordische Gastronomie, außergewöhnliches Kunsthandwerk und eine unverwechselbare Naturlandschaft.

Geschichte: Erzbischöfe, Wikinger und sowjetische Besatzung

Bornholms Strategische Lage machte es im Laufe der Jahrhunderte zum begehrten Streitobjekt. Das Erzstift Lund regierte die Insel ab dem Mittelalter – der Erzbischof ließ um 1255 die Burg Hammershus als Machtdemonstration errichten. Sie thront auf einem 74 Meter hohen Granitfelsen an der Nordwestküste: Die Anlage umfasste Türme, Kasematten, Brunnen und Kapellen und gilt heute als die größte mittelalterliche Burgruine Nordeuropas.

Während des Zweiten Weltkriegs war Bornholm von Deutschland besetzt (1940–1945). Im Mai 1945 bombardierte die sowjetische Armee die Hauptstadt Rønne und das Nexø schwer, da der deutsche Kommandant die Kapitulation verweigerte. Über 800 Häuser wurden zerstört. Nach der deutschen Kapitulation besetzten sowjetische Truppen Bornholm bis April 1946 – als einziger Teil Dänemarks fiel die Insel kurzzeitig in den sowjetischen Einflussbereich. Diese Episode ist im historischen Bewusstsein der Insel bis heute präsent.

Die vier Rundkirchen: Festung und Gotteshaus

Das ikonischste Architekturelement Bornholms sind die vier mittelalterlichen Rundkirchen (Rundkirker), alle im 12. Jahrhundert erbaut: Østerlars (die größte), Olsker (die schlankste und höchste), Nylars und Nyker. Ihre kreisrunde Form, die bis zu 2 Meter dicken weißen Kalksteinmauern und die kegelförmigen Dächer dienten einem Doppelzweck: religiöse Stätte im Erdgeschoss, Fliehburg im Obergeschoss bei Überfällen – bevorzugt von Wenden (slawischen Piraten) aus der Ostsee. Die Fresken im Innern (besonders in Østerlars) zählen zu den schönsten romanischen Kirchenmalereien Skandinaviens.

Hammershus und Helligdomsklipperne

Hammershus ist der Pflichtbesuch im Norden. Die Ruine ist frei zugänglich und zu jeder Jahreszeit beeindruckend; im Sommer führen Ranger in historischen Kostümen durch die Anlage. Der Blick auf die Ostsee vom Hauptturm aus ist atemberaubend.

Nicht weit entfernt ragen die Helligdomsklipperne (Heiligtumsklippen) 20–22 Meter senkrecht aus der See. Zwischen den Felsen gibt es Höhlen und Meerespools, die bei Niedrigwasser begehbar sind. Eine Bootstour von Gudhjem um die Klippen herum lohnt sich besonders im Herbstlicht.

Dueodde: Sand aus dem Stundenglas

Der Strand von Dueodde an der Südspitze der Insel ist legendär – nicht nur wegen seiner Länge (mehrere Kilometer) und der Flachheit des Wassers, sondern wegen der außergewöhnlichen Qualität des Sands: Er besteht aus so feinem, weißem Quarzsand, dass er im 18. und 19. Jahrhundert tatsächlich für Sanduhren verwendet wurde. Der Sand der Sanduhr im UN-Hauptgebäude in New York stammt von Dueodde. Hinter dem Strand erstrecken sich Kiefernwälder und Dünen – ideal zum Wandern.

Christiansø: Die unberührte Seefestung

Eine Bootsfahrt von einer Stunde ab Gudhjem führt zu Christiansø – einer winzigen Inselgruppe (Ertholmene), die im 17. Jahrhundert als Marinestützpunkt angelegt wurde und noch heute wie eine Zeitkapsel wirkt. Keine Autos, keine Hunde, keine Touristen im Winter: Rund 100 Menschen leben ganzjährig auf der Insel. Die Festungstürme, Steinhäuser und Kanonen sind bestens erhalten. Es ist die kleinste Gemeindeverwaltung Dänemarks. Im Sommer kann man auf der Insel übernachten (begrenzte Zimmer, früh buchen).

Gastronomie: Sol over Gudhjem und New Nordic

Sol over Gudhjem (Sonne über Gudhjem) ist das berühmteste Smørrebrød Bornholms: Geräucherter Hering auf dunklem Roggenbrot, belegt mit rohem Eigelb, Schnittlauch und Radieschen. Es wurde in Gudhjem erfunden und ist dort in jedem Restaurant zu haben. Die Røgerier (Räuchereien) mit ihren charakteristischen runden Schornsteinen sind das Sinnbild der Insel; geräucherter Hering und Makrele werden seit Jahrhunderten hier nach traditioneller Methode über Erlenholz geräuchert.

2026 ist Bornholm aber auch eine Adresse für New Nordic Cuisine. Das Restaurant Kadeau hat zwei Michelin-Sterne und gilt als eines der besten Restaurants Skandinaviens. Küchenchef Nicolai Nørregaard arbeitet ausschließlich mit Zutaten der Insel und dem Meer rund um Bornholm – eingelegte Beeren, geräucherte Meeresfrüchte, fermentiertes Gemüse. Eine Reservierung monate im Voraus ist Pflicht.

Bornholm ist auch für sein Kunsthandwerk berühmt: Die Insel ist UNESCO World Craft Region – für Keramik, Glasblaserei und Textilkunst. In Svaneke und Gudhjem finden sich Ateliers, in denen Künstler direkt verkaufen.

Radfahren: Die beste Insel Nordeuropas

Über 220 km ausgeschilderter Radwege durchziehen Bornholm. Die Küstenroute (Route 10) umrundet die gesamte Insel (ca. 105 km) und ist in zwei Tagen gemütlich zu schaffen. Die Strecke führt durch Fischerdörfer, an Granitklippen entlang und durch Kiefernwälder. Bornholm ist eines der topogografisch abwechslungsreichsten Fahrrad-Destinationen Nordeuropas – im Norden gibt es tatsächlich Anstiege, die Kondition verlangen.

Anreise 2026

  • Fähre aus Deutschland: Bornholmslinjen fährt von Sassnitz (Rügen) in 3 Stunden 20 Minuten nach Rønne. Die direkteste Verbindung für Deutsche, ganzjährig. Buchung empfohlen (besonders Juli/August).
  • Fähre aus Schweden: Von Ystad (2 Stunden) – ideal für Kombireisen mit Schweden.
  • Fähre aus Dänemark: Von Køge bei Kopenhagen (5,5 Stunden, Overnight).
  • Flug: Kleiner Flughafen bei Rønne (BVZ) mit saisonalen Direktflügen aus Kopenhagen und Berlin.

Beste Reisezeit

  • Juni–August: Die Insel erwacht. Wasser badetauglich (18–21°C). Alle Røgerier und Strandbars geöffnet. Buchung früh – Fähren und Hotels im Juli ausgebucht.
  • September: Goldene Stunde Bornholms. Wasser noch warm, Massen weg, Herbstlicht perfekt für Fotografie.
  • Winter: Die Insel gehört den Einheimischen. Hammershus im Schnee ist eindrucksvoller als im Sommer. Nur wenige Restaurants geöffnet, dafür echte Ruhe.

Nachhaltigkeit: Insel der kurzen Wege

Bornholm hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 (mit Verlängerung bis 2030) eine 100% erneuerbare Energieversorgung zu erreichen. Windkraft deckt bereits einen Großteil des Bedarfs. Nahrungsmittelkreisläufe sind kurz: Fischerei, Landwirtschaft und Gastronomie sind eng verzahnt. Wer auf Bornholm isst, isst lokal – nicht als Marketing-Slogan, sondern als gelebte Realität.

Das Wattenmeer fehlt Bornholm – aber die Ostsee gibt ihr etwas Eigenes: ruhigeres Wasser, niedrigere Salzkonzentration, und eine Meereskultur, die seit der Wikingerzeit die Identität der Insel formt. Wer Bornholm einmal kennt, kommt wieder.