Griechenland, Ionische Inseln 29.5.2024

Korfu Reiseführer 2026: Die Smaragdinsel

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Korfu (griechisch: Kerkyra) ist nicht das Griechenland, das man erwartet. Es gibt keine weißen Kykladen-Würfelhäuser, keine schmalen Gassen aus trockenem Sandstein. Stattdessen: venezianische Glocktürme, französische Arkaden, britische Cricketplätze, Millionen von Olivenbäumen und eine üppige Grünheit, die der Insel den Beinamen das Smaragd des Ionischen Meeres eingebracht hat. Korfu war die einzige griechische Insel, die nie von den Osmanen besetzt wurde – 411 Jahre venezianische Herrschaft (1386–1797) formten eine Kultur, die sich fundamental von der des Festlands und der Ägäis unterscheidet.

Geschichte: Von Venedig über Napoleon zu Großbritannien

Die Geschichte Korfus liest sich wie eine europäische Tour de Force. Die Insel war strategisch zu wertvoll, um sie sich selbst zu überlassen:

Venezianische Ära (1386–1797): Die Serenissima baute Korfu zur stärksten Festungsstadt des östlichen Mittelmeers aus. Zwei gewaltige Festungen – die Alte Festung (Palaio Frourio) auf einer kleinen Halbinsel und die Neue Festung (Neo Frourio) auf einem Hügel – machten Korfu-Stadt zu einer der am besten verteidigten Städte der Welt. Venezianisch ist das Stadtbild bis heute: der Liston (nach dem Muster der Rue de Rivoli gebaut), die Kirche des Heiligen Spyridon (mit gotischen Glockenturm), die Ölmühlen und die Bezeichnungen der Stadtteile.

Napoleonisch/Französisch (1797–1814): Nach dem Sturz Venedigs übernahm Frankreich kurz. Die Franzosen bauten den Liston und pflegten die Bildung.

Britisch (1815–1864): Als erstes Protektorat des British Empire auf griechischem Boden prägte Großbritannien Korfu mit Cricket (noch heute gespielt auf der Spianada), Ingwerbier (Tsitsibira) und Infrastruktur. 1864 trat Großbritannien die Ionischen Inseln freiwillig an das neue griechische Königreich ab.

Die Durrells: Literarisches Erbe am Nordoststrand

Keine Person hat mehr zur internationalen Bekanntheit Korfus beigetragen als die Schriftstellerfamilie Durrell. Gerald Durrell (1925–1995) – Naturforscher, Zoologe und Gründer des Jersey Zoo – verbrachte seine Kindheit in den 1930ern auf Korfu und verarbeitete sie in der Autobiografie „My Family and Other Animals” (1956): ein charmantes, komisches Buch über Naturbeobachtung, Familialien-Chaos und ein Leben am Mittelmeer, das in England Kultstatus hat und als BBC-Serie (The Durrells) eine neue Generation erreichte.

Sein älterer Bruder Lawrence Durrell (1912–1990) – Dichter und Autor des Alexandria-Quartetts – lebte in Kalami und schrieb dort „Prospero’s Cell” (1945), eine lyrische Meditation über das Leben auf Korfu. Das Weiße Haus in Kalami ist heute Ferienunterkunft und Restaurant; wer dort sitzt und auf die ruhige Bucht schaut, versteht, warum ein Schriftsteller hierher kam.

Das Achilleion: Kaiserin Sisi und Kaiser Wilhelm

Für deutsche Reisende hat Korfu eine besondere historische Verbindung. Kaiserin Elisabeth von Österreich (Sisi) ließ 1890–1891 das Achilleion erbauen – einen neoklassizistischen Palast in den Hügeln südlich von Korfu-Stadt, als privaten Rückzugsort. Die exzentrische Kaiserin liebte Griechenland und die Mythologie (besonders Achilles – daher der Name); die Gartenanlagen mit Achilles-Statuen und der Blick über das Ionische Meer waren ihr Refugium bis zu ihrer Ermordung 1898. Nach ihrem Tod kaufte Kaiser Wilhelm II. das Palais und verbrachte seine Sommer dort bis 1914. Heute ist es Museum und eines der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Insel.

Paläokastritsa: Sechs Buchten in einer

Die Westküste Korfus bei Paläokastritsa ist Griechenlands meistfotografiertes Küstenpanorama: Sechs benachbarte Buchten werden von olivenbewachsenen Kalksteinklippen getrennt, das Wasser ist ungewöhnlich kalt (Süßwasserquellen aus den Bergen) und außergewöhnlich klar. Das Kloster Theotokos thront auf einer Landzunge über den Buchten – seine Ikonikonsammlung und der Blick von der Terrasse sind bemerkenswert.

Der beste Weg, die Buchten zu erkunden, ist ein gemietetes kleines Boot ohne Führerschein: Man fährt von Bucht zu Bucht, findet private Höhlen und Ankerplätze, die vom Land nicht erreichbar sind. Preis: 40–60 EUR/halber Tag.

Gastronomie: Pastitsada und Kumquat

Die korfiotische Küche unterscheidet sich vom Rest Griechenlands durch venezianische und britische Einflüsse – mehr Gewürze, mehr Schmorgerichte, andere Techniken.

Pastitsada: Das Signatur-Gericht der Insel – Hahn oder Rindfleisch, langsam in einer dichten Tomatensauce mit Nelken, Zimt, Piment und Lorbeeer geschmort, serviert mit dicken Nudeln (pastitsio-Nudeln). Der Duft ist die Seele der korfiotischen Küche.

Sofrito: Dünne Kalbsscheiben, in Weißwein, Knoblauch, Petersilie und schwarzem Pfeffer gedünstet. Einfach und unverwechselbar.

Kumquat-Likör: Korfu ist der einzige Ort in Griechenland, wo Kumquats (Fortunella margarita) angebaut werden – eingeführt aus Japan in den 1920ern, gedeihen sie im milden korfiotischen Klima. Der süße Kumquat-Likör, eingelegte Kumquats in Sirup und Kumquat-Marmelade sind charakteristische Souvenirs der Insel.

Bourdeto: Ein scharf-saurer Fischeintopf mit viel Piment, typisch für die nördlichere Küche Korfus.

Sikomada: Ein traditionelles Feigengebäck aus gepressten Feigen, Nüssen, Gewürzen und Honig – winterliches Soulfood, in Zuckerbäckereien der Altstadt erhältlich.

Der Liston und das Cricketfeld

Das Liston ist die eleganteste Flaniermeile Griechenlands – eine Arkade, erbaut von den Franzosen nach dem Vorbild der Rue de Rivoli in Paris. Unter den Bögen sitzen Kafeneion mit Marmortischchen, Espresso-Maschinen und dem spezifisch korfiotischen Tsitsibira (Ingwerbier – ein Erbe der britischen Zeit). Davor öffnet sich die Spianada – einer der größten Stadtplätze Griechenlands. Auf der Spianada wird Cricket gespielt: Das Spielfeld ist von einem Park umgeben, und tatsächlich sind die Linienmarkierungen sichtbar. Cricket als griechischer Sport, live auf Korfu gesehen: Man muss sich selbst überzeugen.

Beste Reisezeit und Praktisches 2026

  • Mai/Juni: Ideal. Wasser noch kühl aber badetauglich, alles geöffnet, noch nicht überfüllt.
  • Juli/August: Hochsaison. Heiß (30–33°C), voll, teuer. Insbesondere Kavos im Süden (Partyort für 18-jährige) zu meiden.
  • September/Oktober: Empfehlenswert. Wasser warm (25°C), Massen weg, Preise sinken.
  • Ostern: Das spektakulärste Osterfest Griechenlands. Am Karsamstag werfen Einwohner riesige Tontöpfe (Botides) aus den Fenstern – chaotisch und unvergesslich. Monate im Voraus buchen.

Transport: Mietwagen empfohlen. Die Straßen im Norden sind eng; ein Kleinwagen ist besser als ein großes SUV. Mücken in der üppigen Vegetation: Repellent mitbringen.

Nördlicher Pantokrator und die Olivenhaine

Der Pantokrator (906 m) ist der höchste Punkt Korfus – zugänglich per Fahrweg bis zum Gipfelkloster. Die Aussicht reicht auf Albanien, Epirus und die gesamte Insel. Der Nordhang ist mit Olivenhainen bedeckt, die teils mehrere Hundert Jahre alt sind: Korfu hat über 3 Millionen Olivenbäume, die meisten davon Leccino-Varietäten, die die Venezianer im 17. Jahrhundert systematisch anpflanzen ließen (die WIC belohnte jeden gepflanzten Baum mit einer kleinen Prämie). Das heute produzierte korfiotische Olivenöl – meist kaltgepresst, leicht bitter, mit Grasaromen – gehört zu den besten Griechenlands und wird lokal direkt ab Ölmühle verkauft. Die Governor’s Olive Mill östlich von Korfu-Stadt ist die bekannteste für Besichtigungen. Wer eine Flasche echtes korfiotisches Olivenöl aus einer alten Ölmühle mitbringt, bringt das beste Souvenir der Insel mit nach Hause.